„Investieren im Ausland müssen wir erst lernen“

(Sorry, but there is no English translation of this interview available.)

Professor Mei Zhaorong, 77, ist Chinas einflussreichster Deutschland-Experte. Peking-Korrespondent Frank Sieren sprach mit ihm über die Angst des Westens vor dem Riesenreich, über Kritikfähigkeit und die Rolle Chinas in der EU-Schuldenkrise.

Handelsblatt: Herr Mei, warum zögern die Chinesen, in Europa zu investieren?
Mei Zhaorong: Chinesische Unternehmen sind sehr interessiert, in Europa zu investieren. Aber es gibt Stimmen in Europa, die Angst vor einem Ausverkauf schüren. Oder sie unterstellen, China investiere nur, um mehr politischen Einfluss zu bekommen und seine Wertvorstellungen zu installieren. Das ist nicht fair – und deshalb zögern die chinesischen Unternehmen. Wir haben vor 30 Jahren die europäischen Investoren mit offenen Armen empfangen und dabei einen größeren Einfluss des Westens in Kauf genommen. Europäer sollten nun das Gleiche zulassen. Ich meine, dass Investitionen in beiderseitigem Interesse liegen.

Handelsblatt: Hat nicht auch die Schuldenkrise dazu geführt, dass chinesische Investoren vorsichtiger geworden sind?
Mei: Natürlich – wenn nicht einmal die europäischen Politiker wissen, wie es weitergeht. China hat das nötige Geld, um im Ausland zu investieren. Aber es kann sich nicht auf Abenteuer einlassen. Die Bevölkerung würde es der Regierung sehr übel nehmen, wenn sie Geld nach Europa überweisen würde, von dem nicht klar ist, ob sie es je mit Gewinn zurückbekommt. Und vergessen Sie nicht: Wir haben keine Erfahrung auf diesem Gebiet und bewegen uns tastend vorwärts. Wir haben keine bösen Absichten, aber auch nichts zu verschenken. Das Investieren im Ausland müssen wir erst noch lernen.

Handelsblatt: Haben Sie nicht Verständnis dafür, dass die Europäer Angst vor dem riesigen Land China haben?
Mei: Diese Angst ist irrational. Selbst der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat neulich in einem chinesischen Fernsehinterview gesagt, die Angst sei unbegründet.

Handelsblatt: China möchte also gar nicht mächtig werden?
Mei: Natürlich möchten wir mächtig werden. China ist ja noch ein großes Entwicklungsland. Wir wollen aber die Macht nicht, um auf andere Länder herabzuschauen. Wir wollen möglichst eigenständig sein. Die Angst-Diskussion um China ist ja vor allem deswegen entstanden, weil Europa schlecht gewirtschaftet hat und nun in einer Finanzkrise steckt. Und nicht, weil China so mächtig ist. Die Europäer sollten die Schuld für das Dilemma nicht den anderen geben.

Handelsblatt: Wird Europa in dem Maße wichtiger für China, in dem Amerika aggressive Töne Richtung Asien anschlägt?
Mei: Wir wollen in Europa keinen Gegenpol zu Amerika aufbauen. Wir wollen keine Pole, sondern Stabilität. Es kann aber auch nicht im Interesse Europas sein, dass Amerika diese aggressiven Töne anschlägt. Dabei sollten wir auch nicht vergessen: In Amerika herrscht Wahlkampf. Da wird viel Unfug behauptet.

Handelsblatt: Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten in den deutsch-chinesischen Beziehungen?
Mei: Im wirtschaftlichen Bereich muss Europa Hürden abbauen, die den Eindruck erwecken, als seien sie extra für China erfunden worden. Und wir müssen noch daran arbeiten, uns gegenseitig fair und objektiv zu beurteilen. Wir Chinesen neigen jedenfalls nicht dazu, negative Urteile über andere Länder zu fällen.

Handelsblatt: Dafür sind Chinesen allerdings schnell beleidigt und können keine Kritik vertragen.
Mei: Das finde ich nicht. China hat sich mit Blick auf die „Kritik“ aus dem westlichen Ausland auch weiterentwickelt und ist stärker geworden. Wirklich konstruktive Kritik ist uns willkommen. Aber Kritik kann nur funktionieren, wenn sie auf Fakten basiert und nicht nur geäußert wird, um den anderen herabzusetzen. Gegen Verleumdungen wehren wir uns natürlich.

Handelsblatt: Ist es schon zu viel Kritik festzustellen, dass auch China in großen wirtschaftlichen Problemen steckt–mit Blick auf Inflation, Immobilienblase und ausufernde Bürgerproteste.
Mei: Wir sind dabei, uns mit diesen Problemen zu beschäftigen. Und unsere Politik zeigt auch erste Wirkungen. Aber uns ist es auch wichtig, nicht von einem Extrem ins andere zu geraten, sondern graduell gegenzusteuern. Die Probleme in unterschiedlichen Regionen des Landes sind unterschiedlich ausgeprägt. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein. China ist eben groß.

Handelsblatt: Führt der anstehende Führungswechsel mit dem Parteitag im Herbst und der neuen Regierung im nächsten Frühjahr nicht zwangsläufig dazu, dass wichtige Fragen offenbleiben?
Mei: Nein, das mag in Demokratien so sein. Bei uns ist da viel mehr Kontinuität. Das Wichtigste bei einem Führungswechsel sind Stabilität und Kontinuität. Erst wenn das gewährleistet ist, kann man an der einen der anderen Stelle etwas Neues ausprobieren.

Handelsblatt: Einerseits sagen Sie, China sei stabil. Andererseits sperren Sie Menschen weg, nur weil sie andere politische Ansichten als die Regierung vertreten. Wie passt das zusammen?
Mei: Sie sollten das nicht nach ihren westlichen Kriterien beurteilen. Eingesperrt werden Menschen, die gegen unsere Gesetze verstoßen haben. Das ist in anderen Ländern nicht anders. Und das sind ganz wenige Leute. Man kann diese kleine Gruppe nicht im Vergrößerungsglas betrachten und dann feststellen: So ist China. Wenn in Deutschland Neonazis jahrelang ungestraft Türken ermorden, können wir doch auch nicht sagen: So ist Deutschland.

By courtsey of ©Frank Sieren, 2012

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Mei Zhaorong, 77, war Botschafter in Bonn und Berlin. Heute ist er als Direktor des Instituts für Weltentwicklung ein wichtiger Regierungsberater.

 

 

 

 

 
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